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  Katrin Lachmann
  Textauszug "Hans im Unglück"
 

„Hans im Unglück“ 
aus der Anthologie „Gefühlte Welt“

Alles nahm seinen Anfang, als unser Nachbar seine Wirtschaft verkaufte, das letzte Gehöft im Urzustand einer Hundert-Seelen-Gemeinde.

Im Sommer 1983 zog Hans mit seinen Eltern dort ein. Das war der Beginn einer tiefen und einmaligen Freundschaft.

Die ging sogar so weit, dass wir alles daran setzten Blutsbrüder zu sein.

Eines Tages zog Hans aus seiner Hosentasche ein Taschenmesser, klappte es auf und gab es mir. Mit einem Ruck zog ich die Schneide über den Daumen. Ein dicker Blutstropfen quoll hervor. Ich war stolz auf mich. Hans nickte anerkennend. Seinen Schnitt begleitete er mit einem leisen „Aua“. Beide Daumen pressten wir zusammen. Laut schworen wir uns ewige Freundschaft. Die krumme Kiefer am Rand einer Heidefläche war unser Zeuge.

                                                    

Ein viertel Jahrhundert später waren wir immer noch Freunde und Nachbarn.

Hans wurde mit Leib und Seele Bauer. Neben seinen Feldern nannte er Hühner, Enten, Gänse und Hermelin-Zwergkaninchen sein Eigen.

Diese Rasse, die er besonders schätzte, zeichnete sich durch ein schneeweißes Fell, einen schwarzen Schwanz und hellblaue Augen aus. Mit dem Rammler Bob gewann Hans alles, was es zu gewinnen gab.

Ich mochte diese Tiere nicht besonders. Außer Bob. Er war etwas ganz Besonderes. Wenn ich in der Nähe der Ställe war, trommelte er mit seinen Vorderpfötchen ans Holz, bis ich den Verschlag öffnete. Seine blauen Augen schauten mich an. Langsam kam er an den Rand des Stalles und wartete, bis ich ihn streichelte.

Meine große Leidenschaft war die Jagd. Sie bestimmte mein Leben. Frei nach dem Motto: Jagd ohne Hund ist Schund! kaufte ich mir Flic, einen Deutsch Drahthaar. Die Brauchbarkeitsprüfung für Jagdhunde bestand er in allen Disziplinen mit Bravur.

Hans war auf meinen neuen Begleiter nicht gut zu sprechen. Er hatte Angst um seine Tiere, besonders wegen der gefragten Hermelin-Kaninchen. Jeden Tag kontrollierte er die Zäune. Seine hoch dotierten Hasen sicherte er zusätzlich.
Ich belächelte ihn bis zu dem Tag, als Flic mit Bob im Maul vor mir stand. ...

 
   
 
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