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  Katrin Lachmann
  Textauszug "Agathe und der Rat der Sieben"
 
Texstauszug "Agathe und der Rat der Sieben"
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...Die ersten Sonnenstrahlen fanden ihren Weg durch die Baumkronen und der Tau stieg als Wasserdampf auf. In ihm hatten einige Bäume bizarre Formen und sahen wie sagenhafte Gestalten aus. Mit einem Mal wurde Agathe bewusst, dass hier etwas nicht stimmte. Stille umgab sie. Sie hörte keinen einzigen Vogel zwitschern. Nicht einmal eine Fliege hörte sie summen. Was geschah hier? Der Wald war sonst voller Geräusche.

Agathe konnte sich gar nicht mehr auf die Pilze konzentrieren. Aufmerksam schaute sie sich um. Warum fehlten die Geräusche? Sie ging weiter in Richtung Farnkraut, in der Hoffnung dort eine Antwort auf ihre Frage zu finden. Zwischen den Pflanzen mit dem gefiederten Wedeln war nichts Ungewöhnliches. Agathe kämpfte sich durch den hohen Farn. Von hier aus konnte sie den Fluss hören. Das Rauschen blieb das einzige Geräusch. Ein paar Schritte weiter sah sie ihn und die zugewachsenen Felswände. Ab und zu schimmerten Teile des Felsens durch die Pflanzen, deren feuchte Oberfläche in der Sonne glänzte.

Agathe drehte sich um und wollte gerade wieder zurück zu den anderen gehen, da sah sie etwas zwischen dem Farnkraut und den Bäumen leuchten.

Merkwürdig, dachte sie, war dort am Baum etwas hängen geblieben? Je näher sie kam, umso größer wurde es und darüber leuchtete etwas Helles. Sie war jetzt so dicht, dass sie es erkennen konnte. Es waren Haare, ungewöhnlich blonde Haare. Die Haare bewegten sich und plötzlich sah sie in das Gesicht eines Jungen. Seine tiefblauen Augen hypnotisierten Agathe förmlich.

Im gleichen Augenblick erinnerte sie sich an den alten Helmar und seine Geschichten von den Menschen mit feuerrotem Haar. Alles Quatsch! Der Junge hatte blonde Haare und keine roten.

Agathe musterte ihn von oben bis unten. Der Aufzug des Jungen war eigenartig, das musste sie zugeben. Er trug ein viel zu großes Leinenhemd, in dem er seine breiten Schultern nicht verstecken konnte. Die Ärmel waren unordentlich aufgekrempelt und die ersten Knöpfe standen offen. Sie konnte seine Brust sehen. Um den Hals hing ein Beutel an einem schwarzen Lederband. Die Hose erinnerte Agathe an eine Pluderhose. Neben seinen Füßen standen Sandalen mit dünnen Lederriemen.

In diesem Aufzug ging man doch nicht in die Pilze oder im Wald spazieren. Einen Korb oder ein anderes Behältnis sah Agathe auch nicht.

Wie alt mochte er wohl sein? Über seinen Lippen schimmerte ein blonder Flaum. Er könnte in Björns Alter sein, rätselte sie im Stillen.

„Kann ich dir helfen?“, fragte sie. Die saphirblauen Augen starrten sie immer noch an und der Junge öffnete den Mund, aber es kam kein Ton heraus.

„Mein Bruder hat bestimmt sein Handy mit, da können wir jemanden für dich anrufen.“

Der Junge presste ein mühsames „Nein!“ heraus.

„Kann ich dir wirklich nicht helfen?“, fragte Agathe noch einmal eindringlich entgegen ihrer eigenen Schüchternheit.

„Wenn du Salbe von der Pflandele dabei hast, dann vielleicht.“ Sein Gesicht verzog sich schmerzhaft.

„Wozu brauchst du die?“, fragte Agathe, ohne zu wissen, um was für eine Salbe es sich handelt.

„Ich hab mir den Fuß verstaucht. So kann ich nicht weiter gehen. Jedenfalls nicht sehr lange.“

Mit einer kreisenden Handbewegung massierte er seinen Knöchel. Bei den Schuhen und dem unebenen Waldboden wunderte es Agathe nicht, dass er umgeknickt war.

„Salben sind nicht deine Stärken oder?“, fragte er mit einem leichten Unterton.

 „Die Fadelesalbe kenn ich nicht, aber wenn du willst, dann bringe ich dich zum Arzt.“

Der Junge verdrehte die Augen und stöhnte laut auf. „Das heißt nicht Fadelesalbe, sondern PFLANDELESALBE, Pflanze des Lebens, um genau zu sein.“

„Auch die kenn ich nicht. … Du willst nicht, dass ich dir helfe, oder?“ Wie konnte sie nur glauben, dass ein Junge, der auch noch so verdammt gut aussah, in seiner Not ihre Hilfe annehmen würde?

„Es ist wirklich besser, wenn du gehst“, quetschte er zwischen seinen Zähnen hervor. Verlegen fingerte sie an dem Pilzkorb, nur um ihn nicht anschauen zu müssen. „Verstehe!“, sagte sie kurz. 

In der Ferne hörte Agathe, wie ihr Namen gerufen wurde.

„Das ist meine Familie. Sie suchen mich. Ich muss ihnen antworten, sonst gibt es Ärger.“

Der Junge griff nach seinen Schuhen, drehte sich abrupt um und humpelte in Richtung Schlucht. „Warte, da geht’s zur Schlucht“, rief Agathe.

„Ich weiß! Vergiss einfach das alles hier!“

„Wieso? Wer bist du?“

Der Junge blieb stehen und drehte sich um. Ihre Blicke verschmolzen für einen winzigen Moment. Über seine Lippen huschte ein Lächeln. „Ich bin Ral. Mehr musst du nicht wissen. Geh zu deiner Familie und verschweige einfach, dass du mich gesehen hast, ja?“, sagte er sanfter. Mit einem Auge zwinkerte er. Agathe merkte, wie ihre Wangen heiß wurden.

„Sehen wir uns wieder?“, fragte sie hastig und im selben Moment sah sie, wie er sich eine kleine Fliege aus dem Auge wischte. Er hatte ihr gar nicht zugezwinkert. Es war bloß eine blöde Fliege. Diese Erkenntnis brachte sie in Verlegenheit.

„Vielleicht!“...


 
   
 
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