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  Katrin Lachmann
  Auszug "Jack the Ripper und der Erbe in Görlitz"
 

                                                 Textauszug aus "Jack the Ripper und der Erbe in Görlitz"

London,29.Januar 1890

 Seit einer Woche krochen graue Schwaden durch Londons enge Straßen. Ein Ungeheuer, das jedes Geräusch verschluckte. Modergeruch von Häusern, die nie ein Sonnenstrahl erreichte, hing schwer in der Luft. Der nächtliche Nebel war dem Tag nicht gewichen. Obwohl es erst vier Uhr am Nachmittag war, schloss das Zwielicht alles in sich ein. Durch die feuchte Luft, sahen die Häuser wie schwarze glitschige Monster aus. So auch das Haus, indem seit den frühen Morgenstunden ein Feuer im Kamin brannte, aber die Wärme konnte die nasse Kälte, die langsam an den Körpern hoch kroch, nicht vertreiben.

Mary, das Dienstmädchen, zündete die Kerzen an. Ihre Herrin saß unbeteiligt im Sessel am Fenster und unaufhörlich trommelten die Regentropfen an die Scheibe.

Kräftige Männerschritte übertönten das Knistern des Kaminfeuers.

Mary schaute auf die Tür, vor welcher die Schritte verstummten. Mit einem Ruck wurde sie geöffnet. Der Doktor trat ein. Die kraftvollen jugendlichen Bewegungen standen im Kontrast zu seinem Alter. Einzelne graue Strähnen durchzogen das schwarze Haar und der Anblick des stattlichen Mannes ließ Mary träumen.

 Nachdem der Doktor eingetreten war, ging er an der langen Tafel vorbei. Seitlich neben dem Fenster blieb er stehen und stellte die Arzttasche auf den Boden. Seine ganze Aufmerksamkeit galt nun der Frau im Sessel. „Die Lähmung ist in der letzten halben Stunde schnell voran geschritten. Sein Atem ist flach und der Herzschlag verlangsamt sich. Er wird Sie noch hören und sehen können.“

„Wird er den Morgen erleben?“

„Wahrscheinlich nicht. Ich kann nichts mehr für ihn tun. Es tut mir leid.“

„Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, was für unterschiedliche Wege die Regentropfen sich suchen? Kleinere schließen sich zu einem großen zusammen und dann gleiten sie schneller als die anderen hinunter. Es gleicht einem Wettlauf ungleicher Gegner, die sich betrügen.“

Der Arzt hob die Augenbrauen und betrachtete nachdenklich die Frau im Sessel. Ihr blutrotes Kleid passte weder zum Wetter, noch zur Stimmung in diesem Haus.

Er hatte sich schon vor Jahren gefragt, warum eine so schöne junge Frau einen Mann, der sein Leben fast hinter sich hatte, heiratete. Es war nicht unüblich, einen um Jahre älteren Mann zu ehelichen, aber was war ihre Motivation, dies zu tun? Reichtum? Ansehen? Liebe?

 Er war oft in diesen Räumen zu Gast gewesen und nie hatte er diese Frau lachen sehen. Bei Tisch sprach sie kaum. Wenn danach der Hausherr die männlichen Gäste zur gepflegten Konversation in die Bibliothek lud, zog sie sich diskret zurück. Auf dem letzten Absatz der Treppe drehte sie sich jedes Mal zu ihrem Mann um. Hasserfüllt verhakte sich für Sekunden der Blick von beiden, bevor sie sich wieder umdrehte und weiterging. Was war das für eine seltsame Verbindung?

 Die junge Frau erhob sich. Das braune, fast schwarze Haar war mit einem Brenneisen gelockt und kunstvoll hinten aufgesteckt. Ihre braunen Augen, die warm und freundlich die Welt betrachten sollten, schauten ihn mit einer klaren Kälte an. Für einen kurzen Moment stellten sich seine Nackenhaare auf. Das hoch geschlossene Kleid, welches schmal und faltig in einen Rock überging, verlieh ihr Eleganz. Mit ihrer extrem schmalen Taille wirkte sie zerbrechlich.

„Gefällt Ihnen mein Kleid?“

„Nun ja“, sagte er zögernd.

„Ich erlasse Ihnen die Antwort und gebe sie mir selbst. Für diesen Tag gibt es keine andere Farbe als Rot.“ Ihre kalten Augen beobachteten den Lauf der Regentropfen. „Er wird mich noch hören und sehen?“, vergewisserte sie sich.

„Ja.“

„Gut!“ Mit einer geschmeidigen Bewegung drehte sie sich zur Tür. Die intensive Farbe des Kleides flammte im Schein des Feuers auf. Ihr ebenmäßiger Schritt ließ genauso ebenmäßig den Stoff fließen, wie Blut.

Als sie die Tür erreichte, drehte sie sich wie gewohnt um.
...

 


 
   
 
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